Willkommen

Angekommen! 到了!

Neuneinhalb Stunden Flug, vier Stunden Aufenthalt in Peking, weitere anderthalb Flugstunden, eine chinesische Taxifahrt und 30 Kilo Gepäck in den Knochen – das schlaucht, aber Hauptsache angekommen! Am Infoschalter des Internationalen Wohnheims sprudeln die chinesischen Sätze in einem Affenzahn aus den Mündern der vier Empfangsdamen, nahezu gleichzeitig und ohne Pause. Wie schwer mein Rucksack wohl sei, sinnieren zwei, während eine andere meinen seltsamen deutschen Namen angestrengt auf einer Liste sucht. „Menzi Velena“ – aah, gefunden. Hier eine Unterschrift, da ein Formular, Zimmernummer, Schlüssel, bitte schön! Ein herunter gefallener Fünf-Kuai-Schein (umgerechnet rund 50 Cent) lässt mich beim Bezahlen der Kaution länger als geplant unter dem Empfangstresen verschwinden. Ob die mich da oben schon vermissen? In die Hocke schaffe ich es ja noch mit meinem 20 Kilo-Rucksack (womit die Gewichtsfrage geklärt wäre, meine Damen). Aber wieder rauf? Ich versuche mich am Tresen hinauf zu ziehen. Beim dritten Anlauf gelingt es mir schließlich doch noch, mich vor der Peinlichkeit zu retten, in hilfloser Käferhaltung rücklings auf den gewienerten Fliesen der Lobby nach Hilfen zu schreien.



Zimmer 1105

Zimmer 1105, International College-Building, Zhejiang University Hangzhou. Telefon – vorhanden, Fernseher – auch, Matratze – ja, Mobiliar – komplett, die uniformierte Empfangsdame geht eine Checkliste durch. Kleiderbügel – keine, stellt sie nach kurzem Blick in den Schrank fachmännisch fest. Handtücher auch nicht, Klimaanlage – Haken, vorhanden. „Bitte hier quittieren“. Dann fällt die Tür ins Schloss. Nach rund 17 Stunden Reise bin ich angekommen in Hangzhou, Provinz Zhejiang. Toilettenpapier – vorhanden. Klimaanlage – läuft. Willkommen in China!




Das Campusleben

Es ist heiß und schwül, als ich das Gelände auskundschafte. Die Zikaden zirpen, Fahrräder, Autos, Menschen rauschen vorbei. Die üppigen Grünflächen und vielen Bäume lassen mich trotz der Schwüle atmen. Ein chinesischer Campus ist wie eine kleine Stadt, das wird schnell klar. Straßen, Supermärkte, Kopiergeschäft, Fahrradwerkstadt, Friseur und Handyladen, Obsthändler, Garküchen und Großkantinen. Auf den Basketballfeldern trotzen hartgesottene chinesische Kommilitonen der Mittagssonne. Eine Häuserecke weiter gibt es Tennis, Tischtennis, Badminton. Nur das Freibad sieht ohne Wasser doch wenig einladend aus. „Außer Betrieb“, erklärt ein Chinese, während er auf seinem Handy tippt. „Die Saison ist schon rum.“ Ich wische mir den Schweiß aus dem Gesicht und besorge mir einen eiskalten chinesischen Milchtee.
Ein chinesischer Campus ist keine Festung, aber dennoch gut bewacht. Damit ist nicht etwa die gewaltige Mao-Statue inmitten der Parkanlage gemeint, die schützend ihre Hand gen Himmel ausstreckt. An allen drei Eingangspforten zum Unigelände sitzen Sicherheitsbeamte, Wachposten rund um die Uhr. Ungesehen passiert hier keiner das Gelände.
Auch in der Lobby des Ausländerwohnheims ein Uniformierter, tags wie nachts, 24-Stundenschicht. Als ich mich durch die Empfangshalle auf zu meinem klimatisierten Zimmer mache, ist der Aufpasser in der Mittagshitze eingenickt.



Von Katzen, Müll und Fahrrädern

Im Ausländerwohnheim gibt es Einzelzimmer mit Fernseher, Internetanschluss und eigenem Bad. Ein paar Schritte entfernt im Wohnheim für chinesische Studenten sieht es schon anders aus. In Vier- bis Sechsbettzimmern wohnen hier die einheimischen Kommilitonen. Wer die Gemeinschaftsduschen satt hat, gönnt sich einen Besuch im Waschhaus. Die Wäsche trocknet am Fenster. Wer ins Internet will, sucht seinen Computerplatz im Fachbereicheigenen Institut auf.
Wohnheim Nummer 3 ist das „Katzenwohnheim“. Hier sehe ich jeden Tag Katzen, die sich an einem schattigen Plätzchen zwischen den Sträuchern aalen. Nur wenige Meter entfernt eines der Müllhäuschen, wo sich in den Abendstunden schon mal streunende Hunde treffen. Was von den Abfallbergen der Unibewohner nicht trenn- und wieder verwertbar und somit verkäuflich ist, landet hier und schwängert die erhitzte Luft, bis es abgeholt wird. Papier, Plastik und Schrott werden in den Morgenstunden am Nordtor an Müllhändler verkauft. Die Atmosphäre gleicht einem Basar, wenn die Männer und Frauen die erstanden Müllpäckchen auf ihren klapprigen Dreirad-Fährrädern verstauen.
Wenn es auf dem Campus etwas zahlreicher gibt als Mücken, dann sind es Fahrräder. Alte rostige und blitzblank polierte, fahrende und dauerhaft geparkte, vergessene Räder. Fahrräder sind billig in China, vor allem wenn sie klapprig und aus zweiter Hand sind, und daher als Verkehrsmittel beliebt.
Wer als Ausländer mit dem Gedanken spielt, sich ein Fahrrad zu kaufen, sollte erstmal mehrere Tage zu Fuß üben, den chinesischen Straßenverkehr zu überleben. Und auch danach will der Griff zum Zweirad für Unerprobte reiflich überlegt sein… .